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DJ HELL Munich Machine
Zwanzig Jahre zwischen zwei Plattentellern zu verbringen, ist mit Sicherheit eine spezielle Lebensentscheidung, vielleicht die bessere als die gleiche Zeit hinter einem Schreibtisch oder vor einem Flieband verstreichen zu lassen. Wahr wird dieser Vergleich jedoch nur dann, wenn man diese vordergründig so privilegiert erscheinende Funktion auch angemessen ausfüllt. Helmut Geier, hinlänglich bekannt, berühmt und respektiert als DJ HELL, hat seine zwei Jahrzehnte Disko-, Club- und Nightlifekultur gewiss nicht umsonst gelebt.
Diese erlebte, erlernte und gehrte Geschichte FüR ANDERE hörbar zu machen, nicht im funktionalen, schnell-lebigen 12"-Format, sondern als eine geschlossene Einheit und kompaktes Statement, dafür schien nun, vier Jahre nach seinem Debut-Album Geteert und Gefedert" für Disko B genau der richtige Zeitpunkt gekommen. Langspielplatten sind immer auch eine Art Vermächtnis, vor allem für den Autor selbst. Was für Schreiberlinge ein Buch bedeutet, das ist für Musiker das Album. Denn beides sind Erzählungen.
Ein internationaler DJ-Gigolo wie Hell hat nach etlichen Globusumrundungen im Auftrag seiner Musik, Tausenden von Auftritten und an die dreiig Veröffentlichungen in Form von Maxis, Remixen und diversen Kooperationen eine ganze Menge zu erzählen. Nun ist aber sicher nichts schwieriger als auf konkrete Erfahrungen zurückzugreifen, und seien sie noch so präsent im Kopf des Künstlers.
(Musik-) Geschichte in der eigenen Musik zum Vorschein zu bringen, kann mitunter eine nervige Angelegenheit fr alle Beteiligten sein. DJ Hell`s zweitem Album "MUNICH MACHINE" gelingt ersteres fast spielerisch, gänzlich ohne den penetranten Ansatz, den Zuhörer mit zuviel Roots und Referenzen zu überfordern. Entstanden ist ein Werk, so mitreissend wie ein Reisebericht nur sein kann und so faszinierend wie das denkbar beste Geschichtsbuch. In seiner Vielschichtigkeit zwischen POP, Disco-Nostalgie und Technohouse ein Lichtblick elektronischer Musik, bezglich Lebendigkeit, Emphase und Relevanz hnlich "Life`s A Gas" von Love Inc. Der Opener "For Your Love" explodiert vor deinem Gesicht wie eine Diskobombe, alles bereit für einen Donna Summer of Love, mit funkensprühenden Claps, auf die zwei, auf die vier, der letzte ein Sechzehntel zurückversetzt.
Ein technisches Detail, für die einen eine geheimwissenschaftliche Reminiszenz, für die anderen schlicht funky. Gefolgt von "Dominatrix", die postmoderne Elektro-Version von "Dominator". Who Needs Sleep Tonight? Mit fremden, süchtigen Stimmen, ganz weit im Hintergrund. Da wo die Jahreszahlen auf der Zeitachse wie verrückt am geistigen Auge vorbeirauschen und dabei rückwrtslaufen. "Jack The House" ist nervser Acid, Bobby Konders-artig, und erinnert am meisten auf dieser Platte an diesen bedrohlichen Metropolen-Sound von Hell`s ureigenem "Eat My House"-Track. House muss eben nicht immer kitschig sein.
"Bass-Mechanic" klingt wie ein Drum`N`Bass-Track fur Marlene Dietrich komponiert. Im Zeitlupentempo dahingleitend und im Schein der Laterne schimmert ein Kraftwerk-Sound, Sekunden bevor die gerade Bassdrum den Kampf wieder aufnimmt. Ein gerechtes Crossover. "Suicide Commando", die Coverversion des New Wave-Klassikers von "No More", führt noch ein Stückchen näher heran an Abgrnde, die Techno zwar aus den Party- und Dress Codes verbannen konnte, weniger jedoch aus den Köpfen ihrer Protagonisten. File under Leidenschaft und Wahnsinn. Besser mit "Berimbau" zurück in die Disco, Georgio Moroder legt NU GROOVE Platten auf und Tanzen ist und bleibt die beste Therapie. Dieser Track steht bis zur Häfte im Schlamm und erstrahlt trotzdem noch im gleienden Licht des Glamours.
"This Is For You" ist Münchner Schule, Chicks On Speed, dunkle Sonnenbrillen, beigefarbene Hemden. Gangster Boogie, Beatnik-Techno-Poesie. Yesterdays Parties, Isolation. Willkommen in den Neunzigern. Passend dazu "Passion", dreckigst-filtrierter Disco Dub. Im Bezug zu Daft Punk Verneigung und Gegenschlag in einem. Der Titel erzhlt den Rest. Eine gute Platte hat eben auch Sex. "Copa" kurvt am Tag danach durch Zuckerhut-Serpentinen und ffnet noch ein weiteres Trchen im Kopf. Lust auf Strandfuball? Welch mondne, dekadente Musik. Die ganze Welt ist eine Party. Mit "Warm Leatherette" klonkt und bleept uns DJ Hell ruhigen Schritts nach Hause. Bedröhnt und entrückt, im gleisenden Sonnenlicht vor dem Ultraschall. Zeit zum Aufräumen. Oder doch noch weitermachen...? Music and passion is always the fashion.
Get into the music, get into MUNICH MACHINE.

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