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Neue
Ideen braucht das Land.
Acid Scout ist tot, es lebe Richard Bartz
Nachdem er dem Landleben den Rücken gekehrt hat, und wieder im urbanen
Zentrum Münchens, seiner eigenen Aussage nach im Ghetto lebt, mußte
ein radikaler Soundwechsel vollzogen werden.
SciFi-Klänge werden jetzt unter eigener flagge emsig gedrahtet.
Diffuse Töne simulieren radioaktiven Niederschlag, ein Satellit
funkt kurz vor dem Absturz noch letzte, seltsame Morsecodes zum
blauen Planeten herunter. Mal mit straighten Rhythmen, mal mit mächtigen
Dope-Beats oder fiepsigen Ultraschallfrequenzen unterlegt.
Mit Richards Horn EP mutiert das Wiener Pomelo-Label vom Fruchtzwerg
zum Obstgarten-Giganten. Auch hier gibt er seinen neuen Visionen
die Elektro-Sporen, was das Zeug hält. Und auch hier ein Tendenzumschwung
: Gelungene Acid-Tracks müssen nicht von einer 303-Monomanie dominiert
werden, es ist letztlich nur eine Verfügbarkeit unter zig-Millionen.
Neue Kombinationen mit Schall- und Rauch-Geräuschen oder dem Abtropfverhalten
eines lecken Wasserhahns, kommen daher immer besser.
Jetzt wird's ernst ! Achtung, es folgt der Richard, der ausspricht,
welche neuen Ideen er für die Disko Futura bereithält: "Die Grundtheorie
ist, nicht immer nur neue Maschinen zu benutzen, sondern neue Gedankengänge
in die elektronische Musik einzubauen. Der Acid-Gedanke, der müßte
mal komplett rausgefiltert werden, damit man sich dann ganz genau
überlegen kann, was Acid sagt, was Acid macht, was Acid bewirkt.
Um an diesen Acid-Grundgedanken weiterzuknüpfen und daran auszuarbeiten,
auch mal im Kopf und nicht nur an der Maschine, reicht es nicht
mehr aus, ständig noch mehr Lines an 303-Modulationen übereinanderzulegen
bis der Track so richtig schön phett und phunky ist, sondern man
muß konkret an die Wurzel zurückkehren und von dort aus grundlegend
neu beginnen. Die SciFi-Platte ging schon ein bißchen in diese Richtung,
eine Art von neostrukturelle Acid-Disco zu entwickeln. Vielleicht
klappte das noch nicht bei allen Tracks gleich gut, weil der Beat
zu stompy war. Aber vom Ansatz her, fand ich es ganz okay. Ich könnte
mir auch vorstellen, daß es bald sowas wie Subsonic-Breakbeat-Disco
gibt. Wo die Beats praktisch nur noch angedeutet werden, wo es nur
noch eine ziemlich knochige Bassline gibt, die allerdings mit viel
mehr Information gefüttert wird als eine einfache 4/4 Bassline.
Um etwas wirklich neues zu machen, mußt du das alte erst alles umschmeißen,
um es später zu revolutionieren. Man muß die jetzige Disco zersetzen
und zerstören, weil sie einfach zu gut funktioniert. Mit Hochtonfrequenzen,
die die Lautsprecherboxen zerbersten lassen und es die Leute beim
Hören wirklich aus den Fugen hebt. Acid Scout war ein bestimmter
Abschnitt in meinem Leben: Landluft, Liebe und insgesamt ein sehr
gutes neutrales Feeling. Wenn du in der Stadt lebst, fließt ein
ganz anderes, ein viel urbaneres Arrangement in deine Tracks ein.
Acid Scout war mein Experimentierfeld in Richtung Funktions-Disco.
Wie weit ich eigentlich gehen kann, um über Schlüsselreize ein größeres
Publikum anzusprechen, obwohl unterhalb der Oberflächen etwas ganz
anderes mitgeliefert wird. Daraus entwickelte sich jedoch mit der
Zeit eine merkwürdige Mischung aus Gefälligkeit und Innovation.
Acid Scout wird es zwar als Live-Act noch weiter geben, aber wahrscheinlich
nicht mehr auf Platte. Ich befinde mich gerade in einer ziemlichen
Abkapselungsphase, wo ich mir meine Ziele neu am abstecken bin.Vermutlich
werde ich ein eigenes Label namens Kurbel gründen. Ich bin nicht
mehr bereit für diese Riesen-Raves meine Disko-Ideen zu entwerfen.
Einmal MAY DAY hat mir gereicht. Wenn manche Leute heute wieder
auf 808 State zurückgreifen, dann muß man diese Sache doch geistig
überholen, so daß die 10te Evolutionsstufe dabei rauskommt und nicht
bloß die 95er Kopie von dem, was schon lange existierte. Es hat
dann zwar noch seine Ästhetik, weil es ja geradezu klassisch klingt,
aber eine klassische Replikation kann halt nie zukunftsorientiert
sein. Man sollte seinen Style jedoch ständig weiterentwickeln. Ich
entwickele meine Tracks aus dem Chaos heraus, weil das Chaos in
der elektronischen Musik irrsinnig wichtig ist. Je mehr Caos, je
mehr Evolution. Oder umgekehrt: kein Chaos, keine Evolution. Es
geht in der elektronischen Musik immer um Sprache. Jeder Act muß
seine eigene Dialektik finden. Bei mir ist es ein bestimmter Acid-Dialekt,
der sich herausgebildet hat. Welche Sprache spricht seine/deine/meine
Maschine ? Darum geht's doch. Mike Inks Sprache beispielsweise ist
klar und deutlich, geradezu eine Art Symbol-Sprache. Christian Vogel
hat dagegen schon einen verdrehteren Slang in seinen Tracks drauf.
Jeder Musiker codiert seine elektronische Musik halt anders. Das
macht es so interessant. Stell dir mal vor: Laßt einfach die Maschinen
sprechen, die dann stundenlang monotone Tracks produzieren. Ich
kenne eine Punkband, die sich gerade von Gitarren komplett auf Synthesizer
unstellt, vielleicht wird das ein mögliches Ding der Zukunft werden.
Phunky Techno ist ein gesunder Schritt gewesen, aber es ist nicht
der Schritt. Es war mit Sicherheit besser, als weiterhin diesen
frenetischen Rave-Tracks zu folgen, doch Phunky Techno ist nicht
konsequent genug. Vielleicht sind für den bahnbrechenden Disko Futura-Entwurf
aber auch die richtigen Clubs noch gar nicht gebaut worden. Die
Zukunft der elektronischen Musik liegt sowieso bei Internet. Platten
werden dann nur noch in kleiner Auflage für die DJs gepreßt und
alle anderen holen sich die Tracks über den Computer nach Hause."
Es bedarf dreier Feststellungen, um darzulegen, wann aus einer neuen
Disko-Typologie etwas folgen könnte. 1. Die Destrukturierung der
elektronischen Musik muß auf jeden Fall geschickt strukturiert sein,
um nicht vollends im tauben Raum zu verpuffen. Der Beat darf erst
geopfert werden, wenn etwas Adäquates, um ihn 1:1 zu ersetzen, gefunden
ist. Sonst stirbt zumindest jede Form von Bewegungs-Disco aus. 2.
Ob man eine Erneuerung der Disko nun zu schätzen weiß oder nicht,
es steht fest, daß, was ihre Revolutionäre auch an Tracks hervorbringen
werden, es immer eher der konkreten Anwendung einer bestimmten Person
entspringt als einer allgemein gültigen Theorie, wo genau festgelegt
ist wie es klingen sollte. 3. Die neue elektronische Musik, die
in Richtung einer anderen Disko-Typologie zielt, wird allerdings
auch nur ein Gesamtprodukt hervorbringen, daß im Grunde ahnliche
Probleme aufwirft wie der jeweils abgelöste Disko-Typus zuvor. Es
resultiert daraus zunächst einmal ein Verfremdungseffekt oder etwas
völlig Überraschendes, das, wenn es auch nicht unmittelbar gefällt,
zumindest für Irritationen sorgt und das Interesse erregt. Die Grenzen
einer wirklichen Disko Futura zeigen sich daran, daß sie sich im
Zusammenspiel von Musik, Deejayisten, Crowd und Location, eigentlich
in jedem gemeinsam erlebten Moment selbst erneuern, wieder völlig
neu erfinden müßte. Was in der Realität irgendwie nicht durchpraktizierbar
erscheint. Uwe Buschmann
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